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Victor Klemperers Tagebücher 1933-1945: ein Romanist erlebt das Debakel seiner «Idee vom Franzosentum»

Résumé : Als Romanist stand Victor Klemperer in einer idealistischen und antipositivistischen Tradition und strebte statt Akkumulation von bloßen Fakten Gesamtschau und Synthese an. Diese Ziele waren durchaus mit den methodologischen Prinzipien der Kulturkunde vereinbar, die erst vor dem Hintergrund der eigenen nationalen Identität an die anderen Kulturen heranging, und außerdem Modernisierung des philologischen und fremdsprachlichen Studiums durch Öffnung auf die neuere und neueste Zivilisation leistete. Der kulturkundliche Ansatz war eine Zeit lang für Klemperer fruchtbar, doch mit der Radikalisierung der Kulturkunde in Wesenskunde, die mit Eduard Wechsslers Esprit und Geist einsetzte, wurde auch die Gefahr sichtbar, die Kulturkunde zur Behauptung von der Überlegenheit der eigenen Kultur gegenüber fremden, als Feindbilder konstruierten, Kulturen zu missbrauchen. Mit der Erfahrung von der Nazi-Herrschaft und der Judenverfolgung erfolgte bei Klemperer die radikale Abgrenzung gegen diesen Kulturkunde-Begriff. In den Tagebüchern (1933-1945) kann der Desozialisations-Prozess des Romanisten Klemperer nachvollzogen werden: So verliert Klemperers Deutschtum seine nationalistische und patriotische, d. h. seine wesentliche geistige und affektive Dimension. Der Zweifel an seinem Deutschtum und 1940 die Zerschlagung seiner Idee vom Franzosentum führen zum Verlust aller Anhaltspunkte und zur Verunsicherung seiner wissenschaftlichen Identität. Doch mit der Ablehnung der abstrakten Kultur- und Wesenskunde wird er sich auch des Wertes seines philologischen und historischen Instrumentariums stärker bewusst, dem wir einerseits die literarische Leistung der Tagebücher des «Kulturgeschichtsschreiber[s] der gegenwärtigen Katastrophe» zu verdanken haben, und andererseits die literaturgeschichtliche Leistung der Geschichte der französischen Literatur von dem 18. bis zum 20. Jahrhundert, die eine Dimension der Vermittlung zwischen Tradition und Erneuerung seines Faches aufweist.
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https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-01141768
Contributor : Anne Lagny <>
Submitted on : Monday, April 13, 2015 - 4:32:57 PM
Last modification on : Thursday, November 21, 2019 - 2:32:32 AM

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  • HAL Id : halshs-01141768, version 1

Citation

Anne Lagny. Victor Klemperers Tagebücher 1933-1945: ein Romanist erlebt das Debakel seiner «Idee vom Franzosentum». Etudes réunies par Michel GRUNEWALD, Hans-Jürgen LÜSEBRINK, Reiner MARCOWITZ et Uwe PUSCHNER. France-Allemagne au XXe siècle. La production de savoir sur l’Autre, volume 2, Les spécialistes universitaires de l’Allemagne et de la France, Editions Peter Lang, pp.97-111, 2012, Collection Convergences. ⟨halshs-01141768⟩

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