Soziale Kategorisierung oder historische Phantasmagorie ? Erkundungen zum historischen Gebrauch von mittelalterlichen sozialen Kategorien

Résumé : Der Zusammenhang zwischen den sozialen Kategorien, denen die Mittelalterhistoriker massenhaft in den Dokumenten begegnen, und der sozialen Wirklichkeit ist ein grundsätzliches Problem, dessen Lösung aus der Sicht des Historikers zur Zeit kaum absehbar ist, obwohl die Wirklichkeitsfrage schon mehrmals (z.B. in den beiden Historismus-Streiten) tangiert wurde. Doch bieten die anderen Sozialwissenschaften Instrumenten, die den Historikern dabei helfen könnten, wie z.B. den soziologischen Begriff des „Nicht-Bewußten“ (jenseits der im Rahmen der dokumentierten Handlung verbundenen Subjektivitäten verweisen die Dokumente auf nicht bewußte soziale Fakten, die ihrerseits die soziale Wirklichkeit als die einzige Wirklichkeit bilden) oder noch der sprachwissenschaftlich-semantischen Begriff des „Diskurses“ (die soziale Wirklichkeit ist durch die sprachlichen und diskursiven Gebräuche erreichbar, die ihrerseits mit den sozialen Vorstellungen korrelieren), die alle dazu führen, die Wirksamkeit der Vorstellungen in der sozialen Wirklichkeit feststellen zu müssen. Um das Problem deutlich zu machen (nicht aber glauben zu lösen) wird als Ausgangspunkt eine quellenmäßige, aus fränkischen Urkunden geschöpfte Taxonomie untersucht, das heißt eine klassifikatorische Aneinanderreihung von Kategorien, die theoretisch alle Mitglieder einer bestimmten Gesamtgruppe oder sogar der ganzen Gesellschaft erfassen soll. Deren Untersuchung erscheint um so notwendiger, da solche, obschon ganz übliche Reihungen meistens (wenn nicht sogar immer) beiseite gelassen werden (sie werden als banal und/da rein formal betrachtet), obschon sie – schon durch ihre Struktur, sobald man auf sie achtet – gewisse Merkmale des Vorstellungssystems anzeigen, wodurch sie dieses besser verständlich machen und uns über die Modalitäten der Aufrechterhaltung soziale Systeme belehren können. Die Logik der von der untersuchten Gesellschaft bewerkstelligten Kategorien und Klassifizierungen ernst zu nehmen, erlaubt somit, sich einem Stück der sozialen Logik anzunähern und hier zum Beispiel das mögliche, für uns unfaßbare und deshalb a priori kaum vorhersehbare Fehlen eines eigentlichen hierarchischen Funktionierens in einer Gesellschaft zu erkennen, die doch Herrschaftsverhältnisse kannte. Da die begegnenden Binaritäten gleichzeitig und von vornherein Subordinationsverhältnisse sind und die Binomen oft verkettet und deutlich verkettbar sind, führen sie ein grundsätzliches Homologie-Prinzip ein, das die verschiedenen, binomial schematisierten Herrschaftsverhältnisse untereinander verschränkte und somit bekräftigte, mit dem kardinalen Geist/Fleisch-Binom als kaum infragestellbarem Grundmuster.
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Contributor : Joseph Morsel <>
Submitted on : Wednesday, June 25, 2008 - 3:10:31 PM
Last modification on : Thursday, January 11, 2018 - 6:19:21 AM
Long-term archiving on : Friday, May 28, 2010 - 10:50:16 PM

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Joseph Morsel. Soziale Kategorisierung oder historische Phantasmagorie ? Erkundungen zum historischen Gebrauch von mittelalterlichen sozialen Kategorien. Hans-Peter Baum, Rainer Leng, Joachim Schneider. Wirtschaft – Gesellschaft – Mentalitäten im Mittelalter. Festschrift zum 75. Geburtstag von Rolf Sprandel, Franz Steiner (Stuttgart), pp.211-237, 2006, Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 107. ⟨halshs-00290478⟩

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