Adel in Armut – Armut im Adel ? Beobachtungen zur Situation des Adels im Spätmittelalter

Résumé : Die Lehre der Verarmung von verschiedenen Schichten des deutschen (und europäischen) Adels im Spätmittelalter gehört immer noch zum historischen Gemeinwissen, obwohl die Theorie der Agrarkrise, die erstrangig den Adel betroffen habe, immer mehr kritisiert wird. Jedoch ist diese Verarmung gar nicht bewiesen, weder implizit, d.h. was ihre Folgen betrifft (der Adel stellt in der Neuzeit immer noch die herrschende Kategorie dar) noch explizit: Das weitgehende Fehlen von Rechnungsquellen und die schwierige Deutung der Erwähnungen von Schulden, Not, Notdurft, Armut in Verkaufs- oder Verpfändungsurkunden verhindern, daß man materielle Schwierigkeiten objektiv feststellen und ermessen kann, während umgekehrte Situationen auch feststellbar sind – ohne daß jene von vorn herein aussagekräftiger seien. Dies bedeutet sicherlich nicht, daß es keine materiell armen Adligen gegeben hat bzw. sie es wurden und schließlich aus dem Adel herausfielen – jedoch verbietet dies, aus der möglichen Verarmung einzelner die Verarmung einer übrigens dauernd herrschenden Gruppe zu schließen, zumal der Adel nicht als Zusammenfassung von Adligen zu verstehen sein sollte. Deswegen muß man mit großer Aufmerksamkeit und ohne Substantialismus die mittelalterlichen Äußerungen beobachten, die „die Armut“ und „den Adel“ explizit und logisch artikulieren. Somit stellt man fest, daß sie einen spezifischen, vielmehr um ein „Handeln“ als um ein „Haben“ fokussierten Diskurs bildeten, der nicht nur die Handlung leiten sollte, sondern auch und vor allem eine Gruppe konturierte, Leute ein- und ausschloß, schließlich ein Sozialgebilde produzierte, an dessen natürliche Existenz bis heute kaum reflektiert geglaubt wird. Der „Armut“ kam hinsichtlich des Adels immerhin nur eine untergeordnete und auch späte (ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eintretende) Bedeutung zu, doch ist diese Anwendung des Armutsbegriffs hinsichtlich des Adels, vor allem in Syntagmen wie « Arme vom Adel » oder « arme Edelleute », besonders signifikant in bezug auf die soziale Bedeutung der Armut in der mittelalterlichen Gesellschaft. Die Anwendung dieser Syntagmen gilt in der Tat jedesmal als Verlangen einer entgegenkommenden Haltung seitens des Adressaten, weil die Erwähnung der Armut implizit das Arm/Reich-Binom mobilisierte, das nicht einem Zusammenhang fixierter Merkmale (materielle Reichtum/Armut, Macht/Schwäche) entsprach, sondern der hohen Integrationskraft des Armutsdiskurses in der mittelalterlichen Gesellschaft. Folglich sollte man – allerdings unter Berücksichtigung dessen, daß der Armutsdiskurs innerhalb des Adelsdiskurses eher sekundär ist – die sprachliche Gliederung von „Adel“ und „Armut“ als Faktor einer effektiveren Integration des Adels, also gar nicht als Zeichen einer Adelskrise deuten.
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Contributor : Joseph Morsel <>
Submitted on : Tuesday, June 24, 2008 - 5:24:09 PM
Last modification on : Thursday, January 11, 2018 - 6:19:21 AM
Long-term archiving on : Friday, May 28, 2010 - 8:53:01 PM

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Joseph Morsel. Adel in Armut – Armut im Adel ? Beobachtungen zur Situation des Adels im Spätmittelalter. Adel in Armut – Armut im Adel ? Beobachtungen zur Situation des Adels im Spätmittelalter, 1998, Konstanz, Germany. pp.127-164. ⟨halshs-00290147⟩

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